Süddeutsche zeitung - oktober 2004

Freitag, 8. Oktober 2004

Thomas Darchinger dreht am Ammersee RTL-Serie „Die Stimmen“
Kurze Rückkehr an den Schauplatz der Kindheit
Der in Herrsching aufgewachsene Schauspieler arbeitet an der Seite von Helmut Berger

Herrsching - „Hier scheint die Zeit stillzustehen, nur die Gesichter haben
sich geändert“, sagt Thomas Darchinger, und die Lachfalten um die braunen Augen ziehen sich zusammen: „Ich war 15 Jahre nicht mehr hier.“ Fast von der Geburt 1963 an hat er elf Jahre in Herrsching gelebt, es folgten acht in Steinebach: Den Umzug von der trotz aller Bausünden „nach wie vor gigantischen Herrschinger Bucht“ an die „Badewanne“ Wörthsee habe er der Familie nur schwer verzeihen können. Nach dem Zivildienst zog es Darchinger nach München, wo im „Pathos Transport Theater“ eine Schauspielerkarriere begann, die sowohl Kritiker wie er selbst noch lange nicht an ihrem Ende sehen – und die ihn nun für vier Tage zurück an den Ort der Kindheit führt.
Gestern haben die Dreharbeiten für „Damals warst du still“ begonnen – dem dritten Teil der RTL-Serie „Die Stimmen“ , in der Darchinger den Kommissar Degenhardt spielt. Die Aufnahmen starten mit dem finalen Showdown in einem Boot auf dem Ammersee und finden mehr zu Wasser als in Herrsching selbst statt. „Schon aufregend“ findet es Darchinger, gemeinsam mit Helmut Berger
vor der Kamera zustehen: „Er ist immer ein bisschen wie von einer anderen
Welt: sehr exaltiert, eine klassische Diva aber durchaus sehr sympathisch und in der Zusammernarbeit völlig uneitel.“
Darchinger selbst wirkt frei von derlei Allüren: Seinen „aufregenden, aber
nicht anstrengenden Job“ ordnet er nüchtern zwischen Künstler und Arbeiter
ein: Gefordert sei eine „Gratwanderung zwischen Verwundbarkeit und
Standfestigkeit“, die Arbeit im Team bedeute aber auch Verantwortung für die
Produktion. Neben der Gefahr, abzuheben beinhalte Schauspielerei „große
Unsicherheit: Es gibt immer wieder Phasen, da kommt kein Anruf“.
Das erstaunt ein wenig, denn seit Darchinger 1992 für seine Darstellung in
„Löwengrube" den Adolf-Grimme-Preis erhielt, war er in 30 TV-Produktionen zu
sehen, hatte unter anderem Hauptrollen in „Der Ermittler“, „Tatort“ und
„Rosa Roth“. Parallel dazu gastierte er an Bühnen in Berlin, Barcelona und
New York und führte mit „d-formation“ eine multimediale Theatergruppe, in
der er auch als Autor und Regisseur Erfolge feierte. Doch vor drei Jahren
habe er mit dem Theater aufgehört: „Jetzt kann ich es mir nicht mehr
vorstellen: Die Art auf der Bühne Geschichten zu erzählen, erscheint mir
unzeitgemäß.“ Doch die Sehnsucht, „neben der Schauspielerei mehr ins
Geschehen einzugreifen“, bestehe weiter. Nachdem er heuer den ersten
Kurzfilm „Mit Dir“ fertig gestellt hat, will er bald eigene, abendfüllende
Kinoprojekte realisieren: „Mit geringem Budget, um frei von Ballast neue
Wege zu finden.“
Zunächst aber muss Darchinger für die erste wirklich große, internationale
Produktion „an die Ostfront“: Mitte November starten in Ungarn die
Dreharbeiten für „Joy Division“, einem Kriegsepos unter der Regie des jungen
Briten Reg Traviss mit Edward Fox und Ed Stoppard. Da könnte die Arbeit in
Kälte und Schlamm auch physisch anstrengend werden. „Aber im Grunde genommen
sind das alles Kinderspiele“, sagt Darchinger, lacht wieder und erinnert
sich an die Kindheit, wie er im Kiental Tarzan mimte und den Forellen
nachstellte. Es sei „eine ganz merkwürdige Rückkehr“, sagt Darchinger:
„Hundert Meter von hier hat mein Vater eigentlich gelebt – auf dem
Tennisplatz“. Mehr geprägt habe ihn sein Großvater, der Schneider und
Nazi-Gegner, der von Herrsching an die wirkliche Ostfront zur Läuterung
geschickt wurde. „Er war ein grandioser Erzähler“ und wohl verantwortlich
dafür, dass Thomas Darchinger mit 18 beschloss, selbst Geschichten
darstellen und erzählen zu wollen.
ARMIN GREUNE