diverse Zeitungen - oktober 2003


Thomas Darchinger

Thomas Darchinger, 37, Schauspieler
mit 19 hab ich nach dem Abitur vier Monate als Schlafwagenschaffner gearbeitet, damit ich
das Geld zusammenbekommen habe, für Amerika.
Das war eine gute Zeit. Nachts bin ich gefahren. Drei Tage am Stück nach Athen zum Beispiel.
Meistens habe ich dann jemand kennen gelernt und noch den Tag mir ihr verbracht, schon
ziemlich fertig. Einmal kam ich dann ziemlich betrunken zum Dienst zurück, in Italien. Die
Scheißitaliener hatten meinen Wagen doppelt gebucht.
Das Chaos war unglaublich, mir war schlecht, ich war völlig überfordert. Hab dann alle
gleichmäßig über den Zug verteilt. Ging schon. An die Fahrt kann ich mich überhaupt nicht
erinnern, ich glaube, ich hab im Stehen geschlafen.

In Amerika hab ich neue Erfahrungen gesucht, hab im Winter im Yellowstone bei minus 21 Grad
draußen geschlafen. In New Orleans hab ich im schwarzen Viertel als einziger Weißer gewohnt,
das hat mir gut gefallen, in einem Gemeindehaus vor der Kirche. Da war ein Mädchen, die war
unglaublich schön, wollte aber nur mit mir zusammen sein, wenn ich sie heirate, so religiös
war die.
Nach 4 Monaten bin ich zurück. Ich wollte in München Theater spielen. Mein Vater hat mich
danach zum ersten Mal respektiert.

1983-1989 Pathos Transport Theater (zahlreiche Preise und Auszeichnungen)
1989 "Löwengrube" (zahlreiche Preise und Auszeichnungen)
1990 "Mit den Clowns kamen die Tränen" Regie: E. Hauff
später
"Rosa Roth"
"Der Solist" (mit Thomas Kretschmann)
"Sardsch" (mit Hannes Jaenicke)
"Sass"
"Ein unmöglicher Mann"
"Begegnung mit dem Teufel"

Gerade hat Thomas mit Anna Kuczynska und Wolf Mocikat den Kurzhorrorfilm
"U43" abgedreht und beginnt jetzt mit den Dreharbeiten zu "Die Stimmen",
Regie Rainer Matsutani (Olga Film)

Interview:

Thomas, was machst Du gerade?

Also ich mach für RTL gerade einen Krimi. Deswegen siehe ich auch so aus.
Da spiele ich einen der Kommissare, ich will, dass der so aussieht wie viele
Polizisten eben aussehen.

Deswegen der Bart?

Ja, ich weiß, ich seh Scheiße aus.

Ne, überhaupt nicht.

Du lügst.

Stimmt!

Es ist eine ganz harte Zeit für mich. Alle Mädchen machen einen Bogen.
Wenn sie näher als zwei Meter kommen, kriege ich immer so ein müdes Lächeln.

Wie lange drehst Du noch?

Das ist ne Reihe.

O weia.

Ja, das kann noch lang gehen.
Die Rolle geht so, dass ich mich im Verlauf der Reihe in die Hauptkommissarin
verliebe und natürlich genau weiß, dass ich, so wie ich aussehe, keine Chance hab.

Wer ist denn die Hauptkommissarin?

Mariele Millowitsch.

Meinst Du Denn, dass Du bei der ohne Bart eine Chance hättest.

Meinst Du das jetzt irgendwie privat oder so?

Ne. Bloss in der Rolle natürlich.

(Thomas lacht)
Danach drehe ich einen Kurzfilm.

Worum geht's?

Um Verzweiflung in der Liebe und der Qual, sich entscheiden zu müssen.

Davon verstehst Du ja jetzt was.

(Thomas lacht wieder)
Es ist manchmal ganz schön hart, Schauspieler zu sein.

Du Ärmster, was würdest Du denn lieber machen?

Ich hätte früher gern mal eine Kneipe aufgemacht.

Prickelnd. Noch was?

Häuser am Meer bauen.
Ne, eigentlich ist das schon ein ganz schöner Beruf.
Ich kann mich da wirklich austoben. Wo kann man schon Verfolgungsjagden
in Hubschraubern machen, ohne dass einem das geringste passieren kann!

Das stimmt nicht so ganz: Gerade ist eine Crew bei Dreharbeiten mit dem Hubschrauber abgestürzt.
Denkst Du bei riskantern Szenen darüber nach, das was passieren könnte?

Soviel riskante Szenen dreht man nicht in deutschen Filmen.

Würdest Du lieber in anderen Ländern arbeiten?

Das wäre mir egal, es kommt immer nur darauf an, wie gut die Rolle ist und ob
sie eine Chance bietet, irgendeine Art von Wahrheit über Menschen oder das
Leben zu erzählen.

Hast Du eine Botschaft, etwas was Du dem Publikum mitteilen willst?

Eigentlich nicht. Es geht mir bei meinen Filmen nicht darum, Botschaften zu vermitteln.
Ich muß an die Figuren, die ich spiele, wertfrei herantreten. Ich bin neugierig auf Menschen
und das ist dann vielleicht doch meine Botschaft, dass ich die Neugier auf Menschen vermitteln möchte.
Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass ich die Menschen auf die ich am neugierigsten bin,
nicht selber spielen kann.

Wer wär das?

Mädels. (Er lacht)

Thomas, ich wünsche Dir, dass du bald jemand findest, der auf Deinen Bart neugierig ist.

Der ist ja in zwei Wochen erstmal wieder weg.

(Das Interview führte Volker Maria Arend)