zwei schöne neue Kritiken zu meinem SEITE EINS Theatersolo


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Bitterböse Mediensatire
Schauspieler Thomas Darchinger blickt hinter die Fassade des Boulevardjournalismus
erstellt am 14.01.2019 um 18:08 Uhr
Neuburg (ahl) Er lockt und schmeichelt, blufft, droht, ja erpresst sogar - Boulevardjournalist Marco tut alles für die Story auf Seite Eins seines Boulevardblattes.
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Der Münchner Schauspieler Thomas Darchinger brilliert in der Rolle des schmierigen Boulevardjournalisten Marco. | Foto: Hammerl
Deren Wahrheitsgehalt spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Dem Münchner Schauspieler Thomas Darchinger nimmt das Publikum im Neuburger Stadttheater die Rolle des schmierigen Journalisten rundum ab. Zunächst aber macht er auf seriös, wirbt um Vertrauen: "Würden Sie mir einen Gebrauchtwagen abkaufen? " Wobei "man das ja heutzutage nicht mehr sagt". Vielleicht, weil Autos nun übers Internet verkauft werden? Nein, Marco hat da seine eigene These - das Wort "Gebrauchtwagen" sei kontaminiert, wie so viele mittlerweile altertümlich anmutende "unschuldige Wörter".

Ein Mann, ein Smartphone - mehr braucht es nicht für rund 100 Minuten beklemmender Einblicke ins zynische Geschäft des Boulevards, der es schafft, Menschen quasi über Nacht bekannt zu machen und in der nächsten unsanft abstürzen lässt. Die Risiken sind hinlänglich bekannt - auch der jungen Sängerin Lea, die zwar ihr neues Album promoten, sich dafür aber nicht mit Marco und Konsorten einlassen möchte. Eigentlich. Wie es ihm dennoch mit Zuckerbrot und Peitsche gelingt, Lea zur Kooperation zu bewegen, erzählt Autor Johannes Kram in seiner bitterbösen Mediensatire "Seite eins". Und teilt dabei zwar vorrangig, aber nicht nur Richtung Boulevard aus.

Das Ein-Personen-Stück ist vielschichtig angelegt, spielt auf mehreren Ebenen und lässt mitunter rätseln, ob es als ernsthafte Gesellschaftskritik verstanden werden will oder als krasse Überzeichnung eines bestimmten Missstandes. Wenn Marco sein Tun rechtfertigt, indem er seriösen Journalisten nachsagt, sie nähmen ihre Leser nicht ernst, sondern "wollen Ihnen sagen, dass die Welt anders ist als sie ist, anders als Sie sie ja selbst erleben. Sie wollen Ihnen Ihre Wahrheit nehmen". Er spricht von Pseudoberichterstattung in Rentenpolitik, Integration, Krankenversicherung und Energiepolitik.

Als konkretes Beispiel führt er an, dass Zeitungen bei Straftaten oft keine Nationalitäten der Täter benennen, "weil das angeblich zu Rassismus führt" und fragt, ob es nicht vielleicht andersherum sei? Hier erweist sich Kram als Prophet - er schrieb die Komödie 2014, also vor der verschärften "Lügenpresse"-Diskussion. Wer die Kommentare des Autors, der übrigens Guildo Horn promotet hat, nicht kennt, könnte geneigt sein, Marcos Gedankengang hier zu folgen. Ebenso wenn er vom "Meinungskartell der Gutmenschen", Gleichmacherei und dem "Staat als Selbstbedienungsladen" spricht, der alle durchfüttert und niemanden Konsequenzen tragen lässt. Oder davon, dass die Gesellschaft immer mehr einer Kita gleiche, weil "heute jeder gerne alles machen möchte, aber keiner die Verantwortung für irgendetwas übernimmt" und immer jemand da sei, der aufpasst, dass niemand an die heiße Herdplatte fasst. Erhofft sich der Autor Widerspruch, wenn er seinem Antihelden solche Dinge in den Mund legt? Oder ist nicht doch etwas dran?

Letztlich sitzen alle in einem Boot, ob Star oder Sternchen, Leser, Boulevard- oder "echter" Journalist - Marco zieht hier Vergleiche zum Schönheitschirurgen, der ebenso wenig als echter Chirurg gelte. Und natürlich gäbe es ohne Leser keine Seite-Eins-Geschichten. Wie sie zustandekommen, erlebt das Publikum hautnah mit. Marco versteht sein Geschäft.

"Mein Geschäft sind Menschen", sagt er und klickt im psychologisch richtigen Moment auf dem Smartphone ankommende Gespräche weg, horcht Eventmanager aus, lässt seine Beziehungen spielen, um (vermeintliches) Hintergrundwissen zu sammeln, mit dem sich Lea locken oder erpressen lässt. Heraus kommt eine ganz andere Story als sich die junge Sängerin erhofft und das Publikum erwartet. Lea ist es nicht gelungen, ihr Privatleben herauszuhalten, doch der Schuss geht auch für Marco unerwartet nach hinten los. Worauf er den Kopf aus der Schlinge zieht, indem er dann noch eins draufsetzt.

Darchinger gelingt es, mit Charisma und hoher Bühnenpräsenz zu fesseln, den Spannungsbogen durchweg hoch zu halten und ganz sicher auch zum Nachdenken anzuregen.

© donaukurier.de

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Der Neuburger Thomas Darchinger bot mit „Seite 1“ im Stadttheater eine beeindruckende One-Man-Show als skrupelloser Boulevardjournalist.
VON 
ILSE LAUBER
 Für eine gute Story würde er, wenn nötig, seine Großmutter verkaufen – für einen Aufmacher auf der Titelseite wahrscheinlich sogar über Leichen gehen: Marco (Thomas Darchinger) ist Boulevardjounalist aus ganzer Überzeugung, skrupellos und manipulativ, einfallsreich und sehr kreativ im Umgang mit der Wahrheit. Diesmal hat er es auf die junge Musikerin Lea abgesehen, die gerade ihre erste CD veröffentlicht und noch nicht viel Erfahrung im Umgang mit den Medien hat. Gleich bei ihrer ersten Titelstory muss sie erleben, was einem so alles angedichtet werden kann, in diesem Fall eine Affäre mit dem vermeintlichen Sohn eines Großindustriellen. Doch damit nicht genug: Gnadenlos missbraucht Marco die Macht seines Massenmediums, als sie wenig Bereitschaft zur Kooperation zeigt – nach der Drohung, alte Nacktfotos zu veröffentlichen, willigt sie notgedrungen in die erwünschte Fortsetzungsstory ein.
Diese Episode, mit der die zum Teil verantwortungslose Maschinerie der Boulevard-Medien illustriert wird, ist aber nur eine Facette der Komödie „Seite 1“. Die „seriösen“ Medien seien auch nicht viel besser, meint Marco: Sie würden nicht zeigen, was ist, sondern was sein soll, sie sähen alles durch eine moralische Brille und würden nur ihrem Wunschdenken Ausdruck verleihen, zum Beispiel bei Themen wie der Integration. Angesichts der Spiegel-Affäre um den „fantasievollen“ Journalisten Claas Relotius, der in seinen Artikeln die Welt so gemacht hat, wie sie ihm gefällt, einer zuweilen tendenziösen Darstellung von Fakten oder gar von erwiesenen „Fake News“ ist dieses Thema aktueller und brisanter denn je.
„Die Gesellschaft ist eine große Kita geworden.“
Die Reflexionen des Autors Johannes Kram über das Medienbusiness, die Gesellschaft im Ganzen und die Politik sorgen dafür, dass das Stück nie eindimensional daherkommt, sondern vielschichtig und intelligent. „Die Gesellschaft ist eine große Kita geworden“, konstatiert Marco: „Wir wollen Gleichheit für alle und schaffen die Verantwortung ab!“
Auch dem Schauspieler Thomas Darchinger ist es ein Anliegen, die Mechanismen der Massenmedien zu entlarven: „Wir haben jeden Tag Umgang mit den Medien und lassen uns dabei schnell hinters Licht führen. Der großartige Autor Johannes Kram hat diesen prickelnden Stoff in pure Unterhaltung gepackt! Das ist genau das, wonach ich gesucht habe. Ich mag es, wenn Kunst etwas vermittelt, aber ich möchte dabei auch unterhalten“, sagt der gebürtige Neuburger, der seine Karriere am Münchner „pathos transport theater“ begann und Ende der 80er zum Film kam. Seitdem ist er aus der deutschen Fernsehlandschaft nicht mehr wegzudenken: In etwa 150 Rollen – häufig als Bösewicht in Krimis von den „Rosenheim-Cops“ und „Hubert und Staller“ bis hin zum „Tatort“ – zeigte er sein Können. Darüber hinaus war er aber auch an großen internationalen Kinofilmen beteiligt.
Was er als Bühnendarsteller kann, stellte Darchinger in Neuburg eindrucksvoll unter Beweis. Köstlich die Passagen, wo er sich über die „graublaubrüstige Wasserralle“ und ähnliche seltene, schützenswerte Tierchen aufregt, wegen denen große Bauprojekte scheitern können. Oder auch die Szene, wo er einen Artikel mit sämtlichen Anführungszeichen, Punkten, Doppelpunkten, Ausrufe- und Fragezeichen, Semikolons und Gedankenstrichen vorträgt, denn die sind für ihn das Wichtigste in einem Text – womit der Autor von „Seite 1“ nicht ganz unrecht hat.



 

Interview zu SEITE EINS im Straubinger Tagblatt

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Straubinger Tagblatt. 26. Januar 2019

Interview mit Thomas Darchinger zu seiner Theaterrolle im Solo-Stück “Seite Eins”
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„Seite eins“, wie charakterisieren Sie das Stück?

“Seite Eins” ist eine sehr geschickt geschriebene Komödie, in der die Zuschauer direkt erleben, wie Populismus funktioniert. “Marco” der Protagonist stellt ihnen Fallen. Meine Aufgabe als Schauspieler, der ihn verkörpert ist es, dass sie dann auch wirklich reintappen. Der Zuschauer fährt mit mir 90 Minuten Achterbahn.

Wie geht man an ein Ein-Personen-Stück ran?

Ich hatte mir vorgenommen: Wenn ich schon allein auf der Bühne stehe, dann will ich es auch so schlicht wie möglich. Wenig Requisiten, keine Musik, kein Schnickschnack. Es ist ein Schauspieler-Stück und lebt davon, dass ich auf der Bühne alles raushaue an Energie und Schauspielkraft, was geht. Darin liegt der Reiz. Ich wollte das Stück auch in einem für deutsche Theater eher ungewöhnlichen Tempo spielen. Flott, spritzig. Pure Unterhaltung im direkten Sinn des Wortes.

Sie werden als der „Lieblingsbösewicht des deutschen Films“ geführt. Wie gefällt ihnen die Auszeichnung? (warum ist es interessant, der Böse zu sein?)

Ach mei. Ich weiß nicht Mal, ob sie im Ansatz gerechtfertigt ist. Klar, ich hab dutzende Male den Mörder gespielt. Ich versuche, dabei keine Klischees zu bedienen, sondern echte Menschen zu zeigen. Die Trennlinie zwischen “normal" und kriminell ist oft ganz dünn im Leben. Und das reizt mich. Wobei es für meinen Geschmack zu viele Krimis gibt. Ich wäre froh, wenn ich öfter Mal den strauchelnden Familienvater spielen könnte. In einer Familienkomödie oder einem Familiendrama. Noch näher am Leben dran. Eigentlich bin ich dafür prädestiniert, aber die Caster sehen mich so scheinbar nicht. Kurioserweise bin ich bei meinen circa 150 Rollen aber sowieso fast nie von Castern besetzt worden, sondern meistens direkt vom Regisseur gewollt. Caster sind bei mir oft fantasielos. Ich weiß noch, wie eine Casterin gleich am Anfang meiner Karriere zu mir gesagt hat “Ihr Maxi Grandauer in der Löwengrube war grandios. Aber ich hab keine Ahnung, für welche Rollen ich Sie sonst besetzen könnte.” Das begleitet mich jetzt irgendwie schon mein ganzes Berufsleben. Wenn ein Regisseur nicht von sich aus sagt, "den Darchinger will ich haben", dann passiert da relativ wenig bei mir. Ich hab mich damit abgefunden. Ich spiele ja trotzdem sehr viel.

Journalismus mit "fake news"-Anschuldigungen und Debatten in sozialen Medien, teils oft unter der Gürtellinie, sind aktuell. Wie bezieht „Seite eins“ da Stellung?

Diese Kultur, sich im Internet unter der Gürtellinie öffentlich auszukotzen als Bürger, erschreckt mich natürlich genauso wie Sie. Unangenehme Wahrheiten einfach als Fake News abzutun, ist billig und bringt uns nicht weiter. Ich glaube, wir brauchen viel mehr das Bedürfnis, uns gegenseitig zu bereichern mit unseren Ansichten, miteinander für bessere Lösungen zu ringen, statt aufeinander einzudreschen. Dieser Wesenszug der Demokratie ist mir in letzter Zeit deutlich zu kurz gekommen. Anerkennen, dass ein anderer mit einer anderen Meinung einer Bereicherung ist und keine Bedrohung. Dass wir nur gemeinsam die Dinge verbessern können. Da haben wir Bürger uns zu sehr in die falsche Richtung entwickelt, aber auch die Politiker und die Medien. Mir geht es zu viel ums Recht haben und zu wenig ums Zuhören. Und mir geht es eindeutig auch zu viel darum, dieses Recht-haben-wollen mit allen Mitteln durchzusetzen. Mit gezielten Lügen und Diffamierungen.
Wir brauchen die Bereitschaft, uns wirklich mit Dingen auseinanderzusetzen. Eine Meinung zu haben ist keine Kunst. Sich wirklich mit etwas zu beschäftigen, kommt mir viel zu kurz.
In “Seite eins” wird natürlich auch vorgeführt, wie geschickt wir von Populisten manipuliert werden. Diesem Vorwurf müssen sich auch bestimmte Medien stellen.

Warum stehen Sie gern auf der Bühne vor Publikum, nicht nur vor der Kamera?

Die Leute direkt zu spüren, mit ihnen gemeinsam so einen Ritt zu machen, das ist natürlich toll. Ich möchte die Leute gut unterhalten. Und als “Marco” eben auch verführen und mit ihnen jonglieren. Da ist nichts so unmittelbar und schön, wie das Theater.